Die Projektierung von lüftungsanlage für industriegebäude (RLT-Anlagen) in der Industrie ist ein hochkomplexer Prozess, der durch ein engmaschiges Netz an Normen reguliert wird. Ziel ist es, Schadstoffkonzentrationen zu minimieren, thermische Lasten abzuführen und die Gesundheit der Mitarbeiter sowie die Sicherheit der Prozesse zu gewährleisten.
1. Zentrale Normen und Richtlinien
In Deutschland bilden die Normen des DIN (Deutsches Institut für Normung) und die Richtlinien des VDI (Verein Deutscher Ingenieure) den “Stand der Technik”.
Hygieneanforderungen: VDI 6022
Dies ist die wichtigste Richtlinie für die Gesundheit. Sie gilt für alle RLT-Anlagen, die Räume versorgen, in denen sich Personen mehr als zwei Stunden täglich aufhalten.
- Kernpunkt: Anlagen dürfen die Zuluftqualität nicht verschlechtern.
- Anforderung: Glatte Oberflächen, Reinigbarkeit und regelmäßige Hygieneinspektionen durch zertifiziertes Personal.
Energetische Bewertung: DIN EN 16798
Diese europäische Normenreihe (Nachfolger der DIN 13779) regelt die energetische Bewertung von Gebäuden und die Lüftung von Nichtwohngebäuden.
- IDA-Klassen: Definition der Raumluftqualität (Indoor Air) von IDA 1 (hoch) bis IDA 4 (niedrig).
- SFP-Werte: Vorgaben zur spezifischen Ventilatorenleistung zur Sicherstellung der Energieeffizienz.
Arbeitsstättenrichtlinie: ASR A3.6
Diese technische Regel konkretisiert die Anforderungen der Arbeitsstättenverordnung an die Lüftung.
- Sie legt CO2-Grenzwerte fest (Pettenkofer-Zahl: 1000 ppm als Richtwert für gute Luftqualität).
2. Systemarten und technische Konzepte
Industriegebäude erfordern oft spezifische Lösungen, die über die Standard-Komfortlüftung hinausgehen.
Prozessabsaugung vs. Hallenlüftung
- Quelllüftung: Zuluft wird impulsarm im Bodenbereich eingebracht und nutzt die Thermik von Wärmequellen, um Schadstoffe nach oben abzuführen.
- Mischlüftung: Hohe Induktion durch Weitwurfdüsen sorgt für eine schnelle Durchmischung der Luftschichten.
- Punktabsaugung: Direktes Erfassen von Schadstoffen (Rauch, Staub, Gase) am Entstehungsort, bevor sie sich in der Halle verteilen können.
3. Brandschutz nach DIN 4102 und DIN EN 1366
Brandschutz ist in der Industrie aufgrund von Brandlasten und komplexen Gebäudestrukturen kritisch.
- Brandschutzklappen (BSK): Automatische Absperrvorrichtungen, die verhindern, dass Feuer und Rauch über die Lüftungsleitungen in andere Brandabschnitte übertragen werden.
- Rauchschutz-Druckanlagen (RDA): Erzeugung eines Überdrucks in Fluchtwegen (Treppenhäusern), um diese rauchfrei zu halten.
4. Energetische Optimierung und Wärmerückgewinnung (WRG)
Nach VDI 3803 und der ErP-Richtlinie (Ökodesign) ist eine hocheffiziente Wärmerückgewinnung heute Pflicht.
| WRG-System | Wirkungsgrad | Besonderheit |
| Plattenwärmetauscher | bis 80 % | Strikte Medientrennung (ideal bei belasteter Abluft). |
| Rotationswärmetauscher | bis 85 % | Rückgewinnung von Wärme und Feuchte (Feuchterückgewinnung). |
| Kreislaufverbundsystem (KVS) | 60–75 % | Räumliche Trennung von Zu- und Abluft möglich (Brandschutz-Vorteil). |
5. Wartung und Instandhaltung nach VDI 6022 und VDI 3803
Die Einhaltung der Normen endet nicht mit der Installation. Der Betreiber ist für den sicheren Betrieb verantwortlich:
- Hygieneinspektion: Alle 2 Jahre (bei Anlagen mit Befeuchtung) bzw. alle 3 Jahre (ohne Befeuchtung).
- Funktionsprüfung BSK: In der Regel einmal jährlich zur Sicherstellung des Brandschutzes.
- Energetische Inspektion: Nach § 74 GEG sind Klimaanlagen mit einer Kälteleistung über 12 kW regelmäßig durch Experten zu prüfen.